Stein ist eine der ursprünglichsten Erscheinungen von fester Materie die wir auf unserem Planeten finden. Verglühte Energie, abgelagertes Fossiles, in langen Zeiträumen verfestigt, verwittert, wieder verhärtet, gepresst, oftmals kristallisiert, geschoben, geschmolzen, wiederum erstarrt. Vom Homosapiens abgebaut, als Werkzeug benützt, in früherer Zeit und bis vor wenigen hundert Jahren als Kommunikationsmedium dienend und als Baumaterial für unsere Behausungen bis heute verwendet, ist er auch Zeuge vergangener Kulturen.

Wenn ich also diesen Stein vor mir habe, zum Beispiel einen  Olivin Diabas aus Hessen, ein Eruptionsgestein, langsam erkaltet, danach mehrmals durch gewaltige Kräfte bei Erdverschiebungen zerbrochen und wieder zusammengepresst, bin ich konfrontiert mit dieser langandauernden Geschichte. Einer Geschichte in der das Leben entstanden ist, einer Entwicklungsgeschichte aus der ich selbst hervorgegangen bin, hervorgegangen sein muss. Ich bin also selbst aus dieser Materie durch einen langen evolutionären Prozess entstanden und werde wieder in sie zurückkehren...

Da  beginnt mein Dialog, der Stein wird mir zum ganz vertrauten und sehr speziellen Medium. Ich selbst bin nun für einen kurzen Moment Teil seiner Geschichte, kratze, schabe, hämmere mich in ihn hinein, glätte ihn zum Teil, gebe ihm eine Haut. Verletze fortweg und heile wieder. Seine und meine Geschichtlichkeit reiben sich aneinander.  

Wenn ich redlich bin, muss ich festhalten: Mich interessiert heute mit über sechzig Jahren, an der Steinbildhauerei weder das geometrisierende Formen und Formenspiel, noch die gegenständliche Darstellung des Menschen, der Tiere, etc., etwa im Sinne des Neolytikums bis hin zum Kubismus beispielsweise, noch die räumliche Installation, oder gar das Erfinden von  Raumkonzepten. Natürlich gebe ich mir alle Mühe, im Zusammenhang mit Ausstellungen meine Steine nicht gerade dumm in den Raum und in die Umgebung zu stellen... Aber letztlich interessiert mich nur der Fels selbst, die Arbeit am Objekt, am Stein. Der Stein als Spurträger meiner und seiner, im Grunde unerklärlichen Existenz. Intuitiv verändere ich die gefundenen oder dem Steinbruch entrissenen, herausgesägten oder weggesprengten Steinstücke, gebe ihnen in einem längeren Arbeitsprozess eine eigene, von meinem persönlichen Lebensgefühl als Zeitgenosse des 21. Jh geprägte Gestalt.

Oftmals bringe ich den Stein aus seinem Gleichgewicht. Unhinterfragbare Monumente mit Ewigkeitsanspruch wollen meine Skulpturen nicht sein. Wir wissen heute, dass nichts sicher und gesichert ist. Keine endgültigen Wahrheitsansprüche also. Den Stein kultivieren, experimentieren, verändern, suchen nach dem aussagekräftigsten möglichen Erscheinungsbild, das ständige Verändern und weiter Arbeiten mit und am  gleichen Stein, meist über Jahre hinweg ist ein unabdingbarer Prozess, ein „work in progress“.  

Und dann, selten genug gelingt das Schönste: Ein unverwechselbares, neues, ganz eigenständiges und zeitgemässes Werk. Eine Annäherung an meine ganz persönlichen inneren Vorstellungen von "Schönheit" und "Klarheit" und Träume von zeitloser "Dauer". Und natürlich ist es so: Abgeschlossen ist die Arbeit an einer Skulpur, wenn sie verkauft ist. Dann muss ich den Stein loslassen und einen  anderen suchen. Der Dialog beginnt von neuem.

August 2009